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Stadt Vilsbiburg  |  E-Mail: stadt@vilsbiburg.de  |  Online: http://www.vilsbiburg.de

Text, Fotos: Vilsbiburger Zeitung, 30.03.2015

Anlieger informierten sich über den Aufbau einer Fernwärme-Genossenschaft

Wärmeversorgung in Bürgerhand...

Win-Win-Situation für Seyboldsdorf

Vilsbiburg. Mehr als 100 Seyboldsdorfer informierten sich am vergangenen Donnerstag im Gasthaus Breitenacher über eine Wärmegenossenschaft in Bürgerhand: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir im Ortsteil Seyboldsdorf ein Pilotprojekt mit einer Win-Win-Situation für alle Beteiligten starten können", sagte Bürgermeister Helmut Haider. Um eine Wärmeversorgung der Interessenten bis Ende 2016 sicherzustellen, wird am 16. April eine Gründungsversammlung der Genossenschaft abgehalten.

 

Die Fernwärme-Versorgung für Seyboldsdorf über eine nahegelegene Biogasanlage in Thalham bietet eine ganze Reihe von Vorteilen: Zum einen würden die Wärmekunden nicht nur Energie aus erneuerbaren Quellen nutzen, sie hätten zudem einen sicheren regionalen Wärmeerzeuger und die Wertschöpfung des gesamten Projekts bliebe in der Stadt. Darüber bekommen die Wärmekunden ein Mitspracherecht in der Genossenschaft. Und nicht zuletzt hätte der Biogasbetreiber eine gesicherte Abnahme der Abwärme aus der Stromerzeugung, die bei vielen anderen Biogasanlagen einfach in die Luft geblasen wird.

 

Als erster der drei Projektpartner stellte Diplom-Ingenieur Markus Apfelböck vom gleichnamigen Ingenieurbüro aus Landau die technische Auslegung und Preisgestaltung vor. Vorgespräche mit Grundstückseigentürmern - auch für die Durchleitung der Wärme nach Seyboldsdorf - seien sehr positiv verlaufen. Eine erste Entwurfsplanung zeigt nun, dass ein zweckmäßiger Betrieb möglich ist. Mit der bereits bestehenden Biogasanlage von Landwirt Johannes Neudecker in Thalham bietet sich ein Wärmepotenzial von zirka 930 000 Kilowattstunden pro Jahr an, ausreichend für etwa 30 Haushalte bei aktueller Bausubstanz. Die nötige Grundlast der Versorgung wäre somit gegeben, sagte Apfelböck. Bei der Finanzierung des Fernwärmenetzes helfen sollen übrigens Synergieeffekte durch die gleichzeitige Verlegung von Glasfaserkabeln für das Breitband-Internet.

 

Wie eine erste Befragung der Anlieger ergab, sind etwa zwei Drittel der Heizanlagen in Seyboldsdorf sofort oder binnen fünf Jahren sanierungsbedürftig. Somit ergibt sich in drei Ausbaustufen ein gesamtes Potenzial von rund 1,3 Millionen Kilowattstunden. Dieses wäre aber jetzt mittels einer neuen Befragung erweiterbar. Johannes Neudecker zeigt sich bereit, den gesamten Wärmebedarf mittels Ergänzung einer Hackschnitzel-Heizanlage zu decken.

 

Grossansicht in neuem Fenster: Vier Fürsprecher für eine regenerative Wärmeversorgung...Die Übergabe der Wärme erfolgt bei dem vorgeschlagenen System mittels eines Wärmetauschers ohne bauliche Veränderungen am Heizkreislauf des Haushalts. Die gesamte Anlage bietet eine hohe Versorgungssicherheit. Sollte es zu einem Ausfall kommen, steht in kürzester Zeit ein Hot-Mobil, ein mobiles Öl- Heizwerk der Stadtwerke, zur Verfügung. Eine erste Kostenschätzung ergab eine Preisgestaltung von zirka acht Cent für die Kilowattstunde Wärme. Nach einer weiteren Befragung aller Anwohner in Seyboldsdorf erfolgt eine neue Kostenberechnung.

 

Nicht Gewinn-, sondern Nutzenmaximierung

Nach dem Prinzip der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung waren bereits zu Beginn der Elektrifizierung die Genossenschaften ein zentraler Bestandteil der Entwicklung des ländlichen Raums. Diese über mehr als 100 Jahre bewährte Betriebsform wurde von Max Riedl, Vertreter des Genossenschaftsverbands Bayern, näher vorgestellt. Der Genossenschaftsverband bietet Unterstützung in betriebswirtschaftlichen Fragen, der Steuer- und Rechtsberatung sowie der Durchführung der gesetzlichen Prüfungen. Die Mitglieder treten hierbei als Kapitalgeber, Geschäftspartner und Entscheidungsträger in Erscheinung: „Eine Struktur, die an Transparenz nicht zu überbieten ist", sagte Riedl. Dabei stehe nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Nutzenmaximierung im Vordergrund und somit auch der Erhalt der Umwelt: „Hier werden ideelle Ziele und wirtschaftlicher Anspruch verknüpft." Konkret bedarf es jetzt der Bildung einer Abnehmergenossenschaft mit geeigneten Führungskräften für technische und kaufmännische Belange.

 

Um das Potenzial der Nahwärmeversorgung auf den Punkt zu bringen, stellte Dr. Thomas Kerscher vom Amt für ländlichen Entwicklung in Landau die möglichen staatlichen Förderungen vor: In einem laufenden Verfahren der Dorferneuerung sind Förderquoten von 40 Prozent und ein Maximalbetrag von 200 000 Euro für den Bau des Leitungsnetzes auf Abnehmerseite zu erwarten. Ergänzend mit einer zusätzlichen Förderung für notwendige Gebäude-Neubauten errechnet sich ein Maximalfördersatz von 47 Prozent für die Umsetzung eines Nahwärmenetzes.

 

Förderung mit Hilfe der Dorferneuerung

Entscheidend für die Förderung im Rahmen einer Dorferneuerung wäre grundsätzlich der gemeinsame Wunsch der Dorfbevölkerung, der sich hier an der Teilnahme am Wärmenetz widerspiegeln könne, sagte Kerscher. Daran anschließend wären auch weitere Maßnahmen der Dorferneuerung möglich. Als ersten Schritt müsse die Stadt jetzt ihren Antrag dafür erneuern, der in den 90er Jahren bereits gestellt wurde. Um die Realisierung der Wärmeversorgung bis Ende 2016 sicherzustellen, ist am 16. April 2015 eine Gründungsversammlung der Genossenschaft angesetzt. Bis dahin soll der Großteil der Genossenschaftsmitglieder durch Bekunden über den ausgegebenen Fragebogen fest stehen. Interessenten können sich nach den Osterferien bei Klimaschutzmanager Georg Straßer weiter informieren. Straßer ist Koordinator des Projekts.

 

Gleich zu Beginn stellte Straßer seine Sicht auf den Betrieb von Biogasanlagen dar: „Vielerorts wird von der Vermaisung bedingt durch den Betrieb von großen Biogasanlagen gesprochen. Aktuell werden von insgesamt knapp zwölf Millionen Hektar Ackerfläche in Deutschland nur 700 000 Hektar für den Anbau von Biogasmais verwendet, das entspricht etwa sechs Prozent der Gesamtfläche." Da Bioenergie mit rund 50 Prozent von allen regenerativen Energieträgern den größten Beitrag an der Treibhausgasvermeidung leiste, sollte diese „hochgespielte Belastung" im Vergleich zu der anderer Energieversorgung hinnehmbar sein, zumal allein in Vilsbiburg rund 30 Prozent der gesamten Stromversorgung durch Biogas abgedeckt werde.

 

Die Stadt Vilsbiburg hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 100 Prozent des Energieverbrauchs regenerativ zu erzeugen. Der Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen liegt bei der Stromerzeugung derzeit schon bei 75 Prozent, bei der Wärme aber werden bisher nur 13 Prozent regenerativ erzeugt. Dabei könnte der Energiemarkt die regionale Forstwirtschaft erheblich stärken und die Wertschöpfung wieder in den ländlichen Raum bringen.

 

Bildunterschrift links oben

Wärmeversorgung in Bürgerhand

Vilsbiburg. Mehr als 100 Seyboldsdorfer informierten sich über die Möglichkeit, ihre Häuser künftig mit Fernwärme aus einer Biogasanlage zu heizen. Am Ende der Versammlung zeigten sich alle Beteiligten recht optimistisch, dass die erfolgreiche Gründung einer entsprechenden Genossenschaft im Bereich des Möglichen liegt. Am 16. April soll die Gründungsversammlung stattfinden.

 

Bildunterschrift rechts unten

Vier Fürsprecher für eine regenerative Wärmeversorgung aus der Biogasanlage von Landwirt Johannes Neudecker (Bild unten): Markus Apfelböck, Bürgermeister Helmut Haider, Klimaschutzmanager Georg Straßer und Max Riedl, Vertreter des Genossenschaftsverbands Bayern (von links).

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