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Text, Fotos: Vilsbiburger Zeitung, 14.11.2015

Das Nahwärmenetz scheitert an den Kosten

Zur Gründungsversammlung der Nahwärme-Genossenschaft am 16. April herrschte allgemeine Aufbruchstimmung im Dorf.

Die notwendige Wirtschaftlichkeit ist nicht zu erreichen – Projekt wird beendet

Seyboldsdorf. Es hätte ein „Leuchtturmprojekt der Energiewende“ für die ganze Region werden können, wie es über die Errichtung eines Nahwärmenetzes in dem Vilsbiburger Ortsteil im Vorfeld geheißen hatte, tatsächlich ist das Projekt allerdings gestorben. Wie die Vertreter der eigens für die Nahwärme gegründeten Genossenschaft in einem Pressegespräch erläuterten, habe die Wirtschaftlichkeit des Projekts einfach nicht gestimmt – und damit wären die Energiekosten für die einzelnen Abnehmer in indiskutable Höhen gestiegen. Vor allem liegt die mangelnde Wirtschaftlichkeit am ungünstigen Verhältnis zwischen der Leitungslänge des projektierten Wärmenetzes und der Zahl der Abnehmer, die bei rund 80 gelegen wäre.

 

Mit dem Ziel, die Abnehmer der Fernwärme in Seyboldsdorf mit Energie zu einem Preis von maximal acht Cent pro Kilowattstunde zu beliefern, war die Genossenschaft bei ihrer offiziellen Gründung am 16. April 2015 angetreten. Allerdings existierte damals als planerische Grundlage für die Wärmenetz-Idee lediglich eine Bachelorarbeit zu diesem Thema – und das erwies sich am Ende als zu wenig tragfähig. Über den Sommer hinweg hatte sich Diplom-Ingenieur Markus Lautenschlager vom auf solche Projekte spezialisierten Büro Gammel aus Abensberg das Projekt Nahwärmenetz genau angeschaut und seine Ausarbeitung machte bei einer Genossenschaftsversammlung bereits deutlich, woran es hakt bei der Nahwärme in Seyboldsdorf: Im Verhältnis zur Leitungslänge von rund viereinhalb Kilometern sind es zu wenig Abnehmer. „Nutzerdichte“ heißt das Fachwort, das in Seyboldsdorf nicht passen konnte, weil natürlich nicht alle Anlieger entlang eines Straßenzuges sich an das Wärmenetz anschließen wollten – aber die Leitung durch die Straße hätte trotzdem auf die ganze Länge gebaut werden müssen, wenn die Genossenschaft  ihrem selbstgestellten Anspruch gerecht werden wollte, alle Interessenten anzuschließen. Gleichzeitig wären durch die beachtliche Leitungslänge die Wärmeverluste bei rund einem Drittel der eingesetzten Energie gelegen. All diese Faktoren hätten dazu geführt, dass es keine Fördergelder für das Projekt gegeben hätte, weil die Förderungen an eine Mindest-Wirtschaftlichkeit gekoppelt sind, die Seyboldsdorf nicht erreicht hätte.

 

Energiekosten: 16,2 Cent

 

„Wir sind bei dem Treffen am 15. Oktober bereits von einem Energiepreis von 13,5  Cent netto ausgegangen, das wären mit Steuern 16,2 Cent gewesen“, erzählt Vorstandsvorsitzender Gilch von der Entwicklung vor dem endgültigen „Nein“ zur Fortführung der Genossenschaft. Mit diesem Preis hätte man jedoch lediglich kostendeckend arbeiten können, Rücklagen hätte man damit noch keine ansparen können. „Da sprechen wir also von einer glatten Verdoppelung des Energiepreises“, machten Gilch und sein Vorstandskollege Josef Sterr deutlich. Im Vergleich zu Öl und anderen Energieträgern sei das nicht mehr konkurrenzfähig, überdies hätte es die Preisstaffelung bei der Nahwärme wohl mit sich gebracht, dass manche Haushalte mit niedrigem Verbrauch bis zu 30 Cent für ihre Wärmeenergie hätten zahlen müssen. „Da haben nach dem 15. Oktober schon einige Leute zuhause nachgerechnet und Zweifel an der Nahwärme bekommen“, macht Gerhard Gilch deutlich. 20 bis 25 vorherige Interessenten an der Nahwärme hätten in der Folge der Genossenschaft signalisiert, dass sie nicht mehr mitmachen wollen. „Viele Leute wären bei einem Kosten-Gleichstand zwischen Nahwärme und anderen Energieformen schon bereit gewesen, einen kleinen ökologischen Aufschlag zu akzeptieren“, ist sich Josef Sterr vor dem Hintergrund der vielen Gespräche mit Interessenten sicher. Aber die zuletzt sich abzeichnende Kostenentwicklung bewegte sich in ganz anderen Dimensionen.

 

Als Ergebnis der Untersuchung durch das Büro Gammel hatte sich auch herausgestellt, dass die Leistung der Biogasanlage in Thalham den Bau einer einen Kilometer langen Leitung nach Seyboldsdorf wohl nicht gerechtfertigt hätte. Stattdessen war man zuletzt von einem reinen Hackschnitzel-Heizbetrieb ausgegangen. „Da hätte man Massen an Holz zukaufen müssen. Und irgendwie hätte das auch den Gedanken einer lokalen Energieversorgung ad absurdum geführt, weil irgendwann die Preisfrage zwischen billigem Holz unbekannter Herkunft und eventuell teurerem heimischen Holz gestellt worden wäre“, ist sich Gerhard Gilch sicher. „Ganz abgesehen davon, dass ohnehin fraglich ist, ob man bei einem Wärmeverlust von rund einem Drittel noch von ökologischer Sinnhaftigkeit sprechen könnte.“

 

Mitgliedschaften erlöschen

 

Den Ausschlag für das „Nein“ zur Nahwärme seitens der während des vergangenen halben Jahres ehrenamtlich arbeitenden Genossenschaft habe die „fundierte Ausarbeitung“ des Büros Gammel gegeben, betont Josef Sterr. In diesem Zusammenhang zeigte man sich dankbar dafür, dass die Stadt zugesagt habe, die Kosten für die Untersuchung zu übernehmen. Die Genossenschaft müsse so für nichts aufkommen. Deren 32 Gründungsmitglieder und weitere Bürger, die per Unterschrift ihr Interesse an der Nahwärme bekundet hatten, müssen laut Sterr und Gilch nichts weiter unternehmen. „Die Mitgliedschaften erlöschen automatisch, es bekommt aber jeder noch eine schriftliche Information“, kündigen die beiden Vorstandsmitglieder an.

 

Auch wenn aus dem Nahwärmenetz nun doch nichts wird, will man die Aktion nicht als Fehlschlag sehen. „Die Ausarbeitung bleibt auf jeden Fall im Rathaus greifbar – vielleicht ändern sich ja in den kommenden Jahren die Rahmenbedingungen und machen dann die Nahwärme doch interessant“, denkt Josef Sterr in die Zukunft. Gerhard Gilch sieht den ganz konkreten Nutzen der intensiven Planungsphase im vergangenen halben Jahr in der Information der Bürger: „Wir haben die Bevölkerung wachgerüttelt, dass es Handlungsbedarf bei vielen Heizungen in den Häusern gibt. Und über Fördermöglichkeiten wurden auch viele Leute informiert“, fügt Gerhard Gilch noch an. Hier könne auch ohne die Nahwärme das Klimamanagement der Stadt Vilsbiburg helfen, das für Bürger eine mehrstündige kostenlose Beratung anbiete.

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